Pferdegeschichten
Eingesperrt
Sie starrte die Wand an. Minutenlang. Sie wirkte vollkommen abwesend, fast dachte
man, sie schliefe. Doch sie schlief nicht. Im Gegenteil: Sie spürte ein starkes Verlangen,
zu rennen. Einfach nur um ihre Kraft zu spüren. Doch da es hier nicht ging, stand sie
nur da, während man ab und zu ihre Muskeln unter der Haut zucken sah.
Schließlich bemerkte sie etwas Warmes auf ihrem Rücken. Es war die Sonne, die durch
ein kleines Fenster fiel. Sie hatte das Bedürfnis ihren Körper in der Sonne zu wärmen,
doch sie wusste, dass das Fenster viel zu wenig Sonnenlicht durchließ, um ihren ganzen
Körper zu bedecken. Schließlich drehte sie sich doch um, schwerfällig und langsam. Ihre
Beine waren so steif und fühlten sich irgendwie schwer und geschwollen an.
Sie wusste nicht, warum das so war. Sie konnte sich nicht erinnern, dass es sich früher
jemals so angefühlt hatte. Mühsam reckte sie den Hals um durch die vom Schmutz trübe
Scheibe zu blicken. Sie hasste die Scheibe. Warum riss man sie nicht einfach heraus, so
dass wenigstens frische Luft hereinkäme. Und Sonne. Und vielleicht sogar Wind und Regen.
Selbst das vermisste sie hier drin. Am Anfang hatte sie sich noch gewehrt.
Sie war trotz der Enge hin- und hergelaufen, bis ihr die Beine schmerzten und ihr
schwindelig wurde. Sie hatte gegen die Tür geschlagen und sich gewundert, warum es
ihr kein anderer gleichtat. Sie hatte protestiert. Doch irgendwann resignierte auch
sie. Sie wusste nicht, warum sie hier drin war. Und noch schlimmer: Sie kam hier nicht
raus. Wieder überkam sie die Müdigkeit. Es war seltsam. Obwohl sie den ganzen Tag kaum
körperliche Arbeit leisten musste, fühlte sie sich kraftloser als je zuvor. Sie hätte
sich gern hingelegt, doch der Boden war dreckig. Sie ekelte sich davor. Sie trat von
einem Bein aufs andere, nahm, nur um sich zu beschäftigen, etwas von der letzten Mahlzeit,
die ihnen gebracht worden war, aber es schmeckte ihr nicht. Es war nicht das gleiche wie
draußen.
Sie seufzte tief und lang. Dann hob sie den Kopf. Hinter der gekalkten Wand hörte sie
ein Geräusch. Sie überlegte, ob sie Kontakt aufnehmen sollte, doch sie wusste, dass das
so gut wie sinnlos war. Die Mauer war hoch. Nur oben war ein schmaler Spalt gelassen.
Sie sehnte sich so nach den anderen. Neben dem Eingesperrtsein war das Alleinsein das
Schlimmste. Ab und zu ging jemand vorbei. Die Vorderseite war vergittert. Lange
Eisenstangen. Bestimmt 50 Stück nebeneinander. Es machte einen wirr, hindurch zu sehen.
Sie hatte sich erst daran gewöhnen müssen. Von dort wurde ihnen das Essen gebracht. Nach
dort war der einzige Weg raus. Aber die Tür wurde von außen verschlossen und sie konnte
sie nicht öffnen. Sie ließ ihren Kopf sinken. Er war so schwer. Da hörte sie Schritte.
Zwei Menschen näherten sich und blieben schließlich vor ihr stehen. Es war ein Vater mit
seinem Kind. "Schau Lisa. Ist das nicht ein schönes Pferd? Möchtest du es mal streicheln?"
Das Mädchen guckte interessiert in die Box und fragte schließlich:" Papa. Das ist genauso
ein Gitter, wie im Gefängnis, stimmt's?" Der Mann umfasste eine der Eisenstangen. Er sah
die blassen Schatten, die die wenigen Sonnenstrahlen auf die Stallgasse warfen. Er begann
zu verstehen, was eigentlich offensichtlich war.
Autorin: Gesine Herm
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