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Geronimos Pferdegeschichten
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Der kesse Schimmel erzählt weiter

Man muss kein weltberühmtes Turnier- oder Rennpferd sein, um spannende Geschichten aus dem Pferdealltag erzählen zu können. Das bewies der kesse Schimmel bereits mit seinem ersten Buch "Geronimo - mit den Augen eines Pferdes" und eroberte die Herzen zahlreicher Pferdefreunde im Sturm.

Auf vielfachen Wunsch seiner Fans erzählt Geronimo jetzt weiter von den Herausforderungen, die das Leben an ihn und seine vierbeinigen Kollegen so stellt.

In seiner gewohnt liebenswerten Art sorgt er dabei wieder für die perfekte Mischung aus lustigen, spannenden, aber auch nachdenklich stimmenden Geschichten aus dem Pferdeleben ...

Leseprobe:

Ein Auszug aus dem Kapitel „Besuch in der Nacht“
(…) „Ronny! Ronny, wach auf! Hörst du denn nicht?“ Es war Fidels Stimme, die mich in jener Nacht unsanft aus dem Schlaf riss. Er klang sehr beunruhigt, um nicht zu sagen: alarmiert. Ich hatte gerade von Maddi und einer saftigen Wiese geträumt und war wenig begeistert, von Fidel aus meinen schönen Träumen gerissen zu werden. „Was ist denn?!“, fragte ich unwirsch. „Da sind Leute“, kam es zaghaft zurück.

„Erstens brauchst du nicht zu flüstern, weil uns die Zweibeiner sowieso nicht hören können, wenn wir reden“, wies ich ihn zurecht, „und zweitens, wirst du ja wohl keine Angst vor Menschen haben, oder?“ Ich zweifelte an seinem Verstand und versuchte ihn zu beruhigen: „Wahrscheinlich hat irgendjemand was im Stall vergessen. Du weißt doch, wie vergesslich diese zweibeinigen Wesen sind! In ihre kleinen Köpfe passt eben einfach nicht alles rein, was sie sich merken müssen. Sie vergessen was und dann kommen sie eben zurück, um es zu holen. Das ist doch nichts Ungewöhnliches! Jenny hatte auch schon mal ihren Haustürschlüssel in meinem Putzkoffer vergessen und musste ihn dann holen. Zweibeiner sind halt so. Vielleicht hat auch irgendjemand vergessen, wie sein Pferd aussieht,und will noch mal gucken, was weiß denn ich?!“

„Nein“, widersprach Fidel, „es ist mitten in der Nacht! Da kommt niemand, der nur etwas vergessen hat. Und es sind auch keine Schritte, die ich kenne. Das sind fremde Leute!“ Der Lichtstrahl einer Taschenlampe blendete mir direkt in die Augen. „Trottel!“, schimpfte ich, auch wenn ich wusste, dass es vergeblich war, weil der Zweibeiner es sowieso nicht hören würde. Dann hielt mir jemand ein Stück Apfel vor die Nase. Na, wenigstens eine kleine Entschädigung für die nächtliche Störung, dachte ich, und griff zu. Köstlich! Es war sogar meine Lieblings-Apfelsorte. Süß und saftig - genau so, wie ich sie mochte. Inzwischen hatten sich vier Männer im Stall verteilt, die von Box zu Box liefen, um die Pferde mit Apfelstückchen zu verwöhnen. Ich wunderte mich zwar über diesen seltsamen Mitternachts-Snack, aber es war ja beileibe nicht das erste Mal, dass Zweibeiner Dinge taten, über die man sich als Pferd nur wundern kann. Also nahm ich es nicht weiter ernst.

„Hier stimmt was nicht“, zeterte Fidel, „Ronny, hier stimmt was nicht!“ Ein bisschen Weichei ist er doch geblieben, dachte ich bei mir, und genau in diesem Moment wurde mir plötzlich schwindlig. Meine Augenlider wurden schwer, ich fühlte mich von einem Moment auf den anderen sehr schläfrig – fast so, wie nach den Spritzen, die ich in der Tierklinik bekommen hatte. Die Lichter der Taschenlampen tanzten vor meinen Augen hin und her, es fiel mir schwer, noch klar zu sehen. Warum machten diese Trottel nicht einfach das Licht an? Wie durch einen wabernden Nebel vernahm ich das Hufgetrappel einiger Stallgenossen, die jetzt über den Hof geführt wurden. Dann klangen ihre Schritte dumpf, so als würden sie über dicke Holzbohlen laufen. Träumte ich das alles? Was war hier los? Und warum fühlte ich mich so komisch? Warum waren nur diese wildfremden Männer hier? Warum war niemand bei ihnen, der uns vertraut war? Wo war Jenny, wo waren ihre Eltern? Wo waren die nette Reitlehrerin und die Stallbesitzerin? Und warum machten diese komischen Männer nicht endlich das Licht an? Ihr Gefuchtel mit den Taschenlampen machte mich ganz kirre im Kopf!

Einer der Männer packte mich grob, streifte mir ein Halfter über, und zerrte mich wortlos aus dem Leseprobe Geronimos Pferdegeschichten (Lydia Albersmann) Stall. Widerstandslos, aber auf sehr wackligen Beinen, folgte ich ihm über den Hof bis zu einem LKW, der am Waldrand geparkt stand. Einige meiner Freunde standen schon auf dem LKW, auch Maddi war dabei.

„Ronny, mir ist ganz komisch“, jammerte die hübsche Stute, die sonst so stark und anmutig war. Jammern war eigentlich gar nicht ihre Art. Ich hatte Mühe, die steile Rampe des LKW hinauf zu klettern. Meine Beine waren schwer und wollten mir kaum gehorchen. Ich taumelte fast so durch die Gegend, wie man es manchmal bei den Menschen sah, wenn sie feierten und komisch riechende Getränke zu sich nahmen. Was war nur mir los? Der Kerl, der mich auf den LKW geführt hatte, band hektisch und ungeschickt den Strick fest. Sein Atem ging keuchend und roch sehr unangenehm, um nicht zu sagen, er stank fürchterlich.

„Welchen soll ich jetzt holen?“, fragte ein anderer Mann. „Frag nicht so blöd, nimm einfach irgendeinen, den du schnell packen kannst!“, kam die unfreundliche Antwort. „Die Gäule werden doch sowieso alle geschlachtet! In 24 Stunden sind sie Sauerbraten und Salami, da ist es doch völlig egal welchen du nimmst, du Trottel!“ Er lachte hämisch und pustete mir dabei noch mehr von seinem übel riechenden Atem ins Gesicht. „Beeil dich!“, rief er dem anderen Kerl nach, „einer noch, dann ist die Ladung komplett. Der Schlachter wetzt sicher schon die Messer“. Wieder ertönte sein hämisches Lachen.

Schlachter? Geschlachtet? Bei diesen Worten schrillten alle Alarmglocken in mir! Obwohl meine Sinne immer noch vernebelt waren, wurde mir plötzlich schlagartig klar, was dieser nächtliche Besuch zu bedeuten hatte. Diese Kerle hatten uns mit den Äpfeln irgendwelche Beruhigungsmittel verabreicht und wollten uns klauen! Ich hatte irgendwann schon einmal davon gehört, dass Pferdediebstahl viel weiter verbreitet ist, als man denkt. Es gibt Zweibeiner, die Pferde von Wiesen und aus Ställen stehlen, um sie dann irgendwo heimlich zu verkaufen. Und viele von diesen widerlichen Pferdedieben fahren die Beute ihre Raubzüge direkt zu einem Schlachter, um möglichst wenig Spuren zu hinterlassen und schnelles Geld zu verdienen. Ich war entsetzt! Diese miesen Typen wollten uns also tatsächlich alle klauen, um uns an einen Schlachter zu verscherbeln! Ich blickte zu Maddi herüber, die mit schläfrigen Augen neben mir stand. Verzweifelt begann ich an dem Anbindestrick zu reißen und zu zerren, doch er gab nicht nach. Wenn ich nur diesen verflixten Apfel mit diesem komischen Mittel nicht gefressen hätte! Vielleicht wäre ich dann stark genug gewesen? Warum sind wir Pferde auch bloß so verfressen! Wegen eines blöden Apfelstückchens, wegen ein paar Sekunden Genuss waren wir diesen Pferdedieben auf den LKW gefolgt. Wie konnte ich nur so blöd sein? Ich konnte doch nicht zulassen, dass diese Kerle uns jetzt zum Schlachter brachten! Meine Freunde, meine Maddi – mich! Wieder zerrte ich verzweifelt an dem Strick, versuchte mich mit aller Kraft zu befreien, doch ich war zu schwach, zu benebelt von diesem Betäubungsmittel, das man mir mit dem Apfel gegeben hatte. Ich fühlte, wie mir der kalte Schweiß ausbrach. In diesem Moment wurde Fidel an den LKW herangeführt.



Die Autorin Lydia Albersmann hat seit frühester Kindheit jede Minute ihrer Freizeit mit Pferden verbracht. Weil ihr das noch nicht genug war, beschloss sie ihr Hobby zum Beruf zu machen und arbeitete sieben Jahre hauptberuflich als Pferdepflegerin. Nach erfolgreichem Abschluss eines Grafikdesign-Studiums seit Februar 2004 arbeitet sie als freie Illustratorin und Schriftstellerin. Die Pferde sind weiterhin ihre große Leidenschaft.


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