Leseprobe:
Ein Auszug aus dem Kapitel „Besuch in der Nacht“
(…) „Ronny! Ronny, wach auf! Hörst du denn nicht?“ Es war Fidels Stimme, die mich in jener Nacht
unsanft aus dem Schlaf riss. Er klang sehr beunruhigt, um nicht zu sagen: alarmiert. Ich hatte gerade
von Maddi und einer saftigen Wiese geträumt und war wenig begeistert, von Fidel aus meinen
schönen Träumen gerissen zu werden. „Was ist denn?!“, fragte ich unwirsch. „Da sind Leute“, kam es
zaghaft zurück.
„Erstens brauchst du nicht zu flüstern, weil uns die Zweibeiner sowieso nicht hören können, wenn
wir reden“, wies ich ihn zurecht, „und zweitens, wirst du ja wohl keine Angst vor Menschen haben,
oder?“ Ich zweifelte an seinem Verstand und versuchte ihn zu beruhigen: „Wahrscheinlich hat
irgendjemand was im Stall vergessen. Du weißt doch, wie vergesslich diese zweibeinigen Wesen sind!
In ihre kleinen Köpfe passt eben einfach nicht alles rein, was sie sich merken müssen. Sie vergessen
was und dann kommen sie eben zurück, um es zu holen. Das ist doch nichts Ungewöhnliches! Jenny
hatte auch schon mal ihren Haustürschlüssel in meinem Putzkoffer vergessen und musste ihn dann
holen. Zweibeiner sind halt so. Vielleicht hat auch irgendjemand vergessen, wie sein Pferd
aussieht,und will noch mal gucken, was weiß denn ich?!“
„Nein“, widersprach Fidel, „es ist mitten in der Nacht! Da kommt niemand, der nur etwas vergessen
hat. Und es sind auch keine Schritte, die ich kenne. Das sind fremde Leute!“
Der Lichtstrahl einer Taschenlampe blendete mir direkt in die Augen. „Trottel!“, schimpfte ich, auch
wenn ich wusste, dass es vergeblich war, weil der Zweibeiner es sowieso nicht hören würde. Dann
hielt mir jemand ein Stück Apfel vor die Nase. Na, wenigstens eine kleine Entschädigung für die
nächtliche Störung, dachte ich, und griff zu. Köstlich! Es war sogar meine Lieblings-Apfelsorte. Süß
und saftig - genau so, wie ich sie mochte. Inzwischen hatten sich vier Männer im Stall verteilt, die von
Box zu Box liefen, um die Pferde mit Apfelstückchen zu verwöhnen. Ich wunderte mich zwar über
diesen seltsamen Mitternachts-Snack, aber es war ja beileibe nicht das erste Mal, dass Zweibeiner
Dinge taten, über die man sich als Pferd nur wundern kann. Also nahm ich es nicht weiter ernst.
„Hier stimmt was nicht“, zeterte Fidel, „Ronny, hier stimmt was nicht!“ Ein bisschen Weichei ist er
doch geblieben, dachte ich bei mir, und genau in diesem Moment wurde mir plötzlich schwindlig.
Meine Augenlider wurden schwer, ich fühlte mich von einem Moment auf den anderen sehr schläfrig
– fast so, wie nach den Spritzen, die ich in der Tierklinik bekommen hatte. Die Lichter der
Taschenlampen tanzten vor meinen Augen hin und her, es fiel mir schwer, noch klar zu sehen.
Warum machten diese Trottel nicht einfach das Licht an? Wie durch einen wabernden Nebel
vernahm ich das Hufgetrappel einiger Stallgenossen, die jetzt über den Hof geführt wurden. Dann
klangen ihre Schritte dumpf, so als würden sie über dicke Holzbohlen laufen. Träumte ich das alles?
Was war hier los? Und warum fühlte ich mich so komisch? Warum waren nur diese wildfremden
Männer hier? Warum war niemand bei ihnen, der uns vertraut war? Wo war Jenny, wo waren ihre
Eltern? Wo waren die nette Reitlehrerin und die Stallbesitzerin? Und warum machten diese
komischen Männer nicht endlich das Licht an? Ihr Gefuchtel mit den Taschenlampen machte mich
ganz kirre im Kopf!
Einer der Männer packte mich grob, streifte mir ein Halfter über, und zerrte mich wortlos aus dem Leseprobe Geronimos Pferdegeschichten (Lydia Albersmann)
Stall. Widerstandslos, aber auf sehr wackligen Beinen, folgte ich ihm über den Hof bis zu einem LKW,
der am Waldrand geparkt stand. Einige meiner Freunde standen schon auf dem LKW, auch Maddi
war dabei.
„Ronny, mir ist ganz komisch“, jammerte die hübsche Stute, die sonst so stark und anmutig war.
Jammern war eigentlich gar nicht ihre Art. Ich hatte Mühe, die steile Rampe des LKW hinauf zu
klettern. Meine Beine waren schwer und wollten mir kaum gehorchen. Ich taumelte fast so durch die
Gegend, wie man es manchmal bei den Menschen sah, wenn sie feierten und komisch riechende
Getränke zu sich nahmen. Was war nur mir los? Der Kerl, der mich auf den LKW geführt hatte, band
hektisch und ungeschickt den Strick fest. Sein Atem ging keuchend und roch sehr unangenehm, um
nicht zu sagen, er stank fürchterlich.
„Welchen soll ich jetzt holen?“, fragte ein anderer Mann. „Frag nicht so blöd, nimm einfach
irgendeinen, den du schnell packen kannst!“, kam die unfreundliche Antwort. „Die Gäule werden
doch sowieso alle geschlachtet! In 24 Stunden sind sie Sauerbraten und Salami, da ist es doch völlig
egal welchen du nimmst, du Trottel!“ Er lachte hämisch und pustete mir dabei noch mehr von
seinem übel riechenden Atem ins Gesicht. „Beeil dich!“, rief er dem anderen Kerl nach, „einer noch,
dann ist die Ladung komplett. Der Schlachter wetzt sicher schon die Messer“. Wieder ertönte sein
hämisches Lachen.
Schlachter? Geschlachtet? Bei diesen Worten schrillten alle Alarmglocken in mir! Obwohl meine
Sinne immer noch vernebelt waren, wurde mir plötzlich schlagartig klar, was dieser nächtliche
Besuch zu bedeuten hatte. Diese Kerle hatten uns mit den Äpfeln irgendwelche Beruhigungsmittel
verabreicht und wollten uns klauen! Ich hatte irgendwann schon einmal davon gehört, dass
Pferdediebstahl viel weiter verbreitet ist, als man denkt. Es gibt Zweibeiner, die Pferde von Wiesen
und aus Ställen stehlen, um sie dann irgendwo heimlich zu verkaufen. Und viele von diesen
widerlichen Pferdedieben fahren die Beute ihre Raubzüge direkt zu einem Schlachter, um möglichst
wenig Spuren zu hinterlassen und schnelles Geld zu verdienen. Ich war entsetzt! Diese miesen Typen
wollten uns also tatsächlich alle klauen, um uns an einen Schlachter zu verscherbeln! Ich blickte zu
Maddi herüber, die mit schläfrigen Augen neben mir stand. Verzweifelt begann ich an dem
Anbindestrick zu reißen und zu zerren, doch er gab nicht nach. Wenn ich nur diesen verflixten Apfel
mit diesem komischen Mittel nicht gefressen hätte! Vielleicht wäre ich dann stark genug gewesen?
Warum sind wir Pferde auch bloß so verfressen! Wegen eines blöden Apfelstückchens, wegen ein
paar Sekunden Genuss waren wir diesen Pferdedieben auf den LKW gefolgt. Wie konnte ich nur so
blöd sein? Ich konnte doch nicht zulassen, dass diese Kerle uns jetzt zum Schlachter brachten! Meine
Freunde, meine Maddi – mich! Wieder zerrte ich verzweifelt an dem Strick, versuchte mich mit aller
Kraft zu befreien, doch ich war zu schwach, zu benebelt von diesem Betäubungsmittel, das man mir
mit dem Apfel gegeben hatte. Ich fühlte, wie mir der kalte Schweiß ausbrach. In diesem Moment
wurde Fidel an den LKW herangeführt.
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