Leseprobe:
Hier eine Leseprobe von "Shadow in Gefahr":
Die Sicht war schlecht. Zwar stand der Mond hoch am Himmel, doch der Zaun lag im Schatten der Bäume. Den Blick fest auf den Boden gerichtet, schlich Mailin den schmalen Pfad entlang. Schritt für Schritt tastete sie sich vorwärts, konnte das vermeintliche Schlupfloch jedoch nirgends entdecken.
Da kann ich ja noch Stunden suchen, dachte Mailin, blieb stehen und seufzte leise. Langsam ließ sie den Blick am Maschendraht entlang wandern, bis zu einem Busch, der ihr die Sicht verdeckte - nichts! Sie schlich weiter, umrundete den Busch, spähte wieder voraus und stutzte. Da war etwas! Kaum fünf Meter von ihr entfernt schimmerte ein großer heller Fleck im schwachen Mondlicht, das durch eine Lücke in den Baumkronen fiel. Mailin eilte darauf zu und unterdrückte im letzten Moment einen freudigen Ausruf. Sie hatte sich nicht getäuscht. Der helle Fleck war ein großer Haufen frisch aufgeworfener Erde.
Dahinter klaffte ein großes Loch, das unter dem Zaun hindurchführte. Für den Schäferhund war es sicher ein Leichtes gewesen, dort hindurchzuschlüpfen, und Mailin überlegte, ob es ihr auch gelingen könnte. Wie alle Elfen war sie gertenschlank und wie ihre Mutter von zierlicher Statur. Doch mit der dicken Daunenjacke, die Julia ihr geliehen hatte würde sie es vermutlich nicht schaffen. Entschlossen zog sie die Jacke aus, behielt sie aber in den Händen, damit sie nicht sichtbar wurde. Dann legte sie sich flach auf den Boden und kroch, die Daunenjacke vor sich herschiebend, in das Loch. Sie musste all ihr Geschick aufwenden, um den engen Durchlass zu passieren, doch sie schaffte es. Wenige Minuten später stand sie auf dem Gärtnereigelände.
Als sich die Anspannung legte, spürte sie wieder, wie kalt es war, und zog rasch die Daunenjacke über. Die Menschen haben praktische und bequeme Kleidung, stellte sie beiläufig fest und dachte an die dicken pelzgefütterten Lederjacken der Elfen, die im Gegensatz zu diesem Kleidungsstück eher unangenehm zu tragen waren. Sie schloss den Reißverschluss, wie Julia es ihr gezeigt hatte, und machte sich auf den Weg zu den Gewächshäusern.
Ihr erstes Ziel war das Glashaus, an dem sie Filko gesehen hatte, denn bei diesem, wie auch bei fünf weiteren Glashäusern, fiel ein schwacher gelber Lichtschein durch die beschlagenen Scheiben. Dass man durch die unteren Scheiben nicht ins Innere des flachen Gebäudes sehen konnte, hatte Mailin schon am Nachmittag bemerkt, und so blickte sie sich während des Laufens immer wieder nach einem geeigneten Gegenstand um, auf den sie sich stellen konnte, um die oberen Fensterreihen zu erreichen. Doch die Suche blieb vergebens. Obwohl das Grundstück ungepflegt und verwildert war, konnte sie nirgends etwas Brauchbares finden. Erst als sie sich dem Gewächshaus bis auf zehn Meter genähert hatte, sah sie an der Rückwand etwas, das wie ein alter Stuhl aussah.
Das ist genau das Richtige, dachte Mailin und wollte loslaufen, um den Stuhl zu holen, doch so weit kam es nicht.
"Ich bin jetzt an Haus zwei, Nick", hörte sie plötzlich eine Stimme ganz in der Nähe sagen. Mailin duckte sich hastig und spähte zu den Gewächshäusern hinüber, wo die dunkle Silhouette eines Mannes gerade aus dem Schatten trat. Er war groß und breitschultrig und hielt eine sehr helle Laterne in der Hand, deren breiter Lichtkegel rastlos umherhuschte. Als der Schein weniger als einen halben Meter von Mailin entfernt über das Gras strich, presste sie sich erschrocken an den Boden, doch dann fiel ihr ein, dass der Mann sie gar nicht sehen konnte. Wie dumm von mir, schalt sie sich in Gedanken und lächelte über ihre Zerstreutheit.
Vorsichtig richtete sie sich auf und sah, wie der Mann in einen kleinen Kasten sprach, den er sich vor den Mund hielt. "Hier ist alles in Ordnung", berichtete er. "Ich gehe jetzt weiter zu drei und vier."
"Verstanden!", ertönte eine knisternde Stimme aus dem Kasten. Der Mann steckt das Gerät wieder in die Tasche seines Overalls, schwenkte ein und entfernte sich langsam. Bald darauf war er zwischen den anderen Glashäusern verschwunden.
Das Elfenmädchen wartete, bis auch der tanzende Lichtschein nicht mehr zu sehen war. Als sie glaubte, dass der Mann weit genug weg war, erhob sie sich, schlich zur Rückwand des Glashauses und schleppte den Gegenstand, der sich tatsächlich als Stuhl herausstellte, zu einer Stelle, an der die Scheiben nicht so stark beschlagen waren und kletterte auf die Lehne, um einen Blick ins Innere des Gebäudes zu werfen.
Was sie erblickte, verschlug ihr für einen Moment glatt die Sprache. Im Innern erstreckte sich ein großes, von schmalen Wegen durchzogenes Feld grüner Pflanzen. Die Gewächse waren fast einen Meter hoch und an den schlanken Stängeln saßen - hastig wischte Mailin mit dem Ärmel über die Scheibe, die von ihrem Atem beschlagen war - schlanke fünffingrige Blätter.
Balsariskraut! Mailins Herz machte vor Freude einen Sprung. Es gab keinen Zweifel. Da drinnen wuchsen so viele der seltenen Heilpflanzen, dass man damit eine ganze Herde Elfenpferde kurieren konnte. Shadow war gerettet. Jetzt brauchte sie nur noch hineinzugehen und einen großen Strauß zu pflücken. Mit einem Satz sprang sie vom Stuhl und schlich um das Gebäude herum, um nach dem Eingang zu suchen. Er befand sich auf der Stirnsite des Hauses und war nicht schwer zu finden - dafür aber fest verschlossen.
"Oh nein!" Niedergeschlagen betrachtete Mailin das dicke Vorhängeschloss, das die Tür sicherte. So würde sie also nicht hineingelangen können. Das Elfenmädchen seufzte und überlegte fieberhaft, was zu tun sein. Sie war fest entschlossen das Balsariskraut zu holen und nicht bereit, sich von einer verschlossenen Tür aufhalten zu lassen. So kurz vor dem Ziel würde sie auf keinen Fall aufgeben. Wenn der Zugang nicht zu öffnen war, musste sie eben auf einem anderen Weg an die Heilpflanzen kommen - und sie hatte auch schon eine Idee, wie ihr das gelingen würde. Das Vorhaben war nicht ganz ungefährlich und würde mit Sicherheit die Wachleute alarmieren, doch das war Mailin gleichgültig. Solange sie unsichtbar blieb, würde ihr schon nichts geschehen. Mit weit ausgreifenden Schritten hastete sie um das Glashaus herum zur Rückseite des Gebäudes. Dort hatte sie einige große Feldsteine liegen sehen, und die waren genau das, was sie jetzt brauchte.
[...]
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