Leseprobe:
Auszug aus Fahren ohne Schlips und Kragen. Eine praktische Anleitung zum sicheren Freizeitfahren. von Burkhard Rau. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
[...]Kürzlich kaufte sich ein Nachbar eine gebrauchte Kutsche. Er ist vor wenigen Monaten Rentner geworden und eigentlich dachte ich, er würde den Pferdewagen neben dem alten Pferdepflug und unter den ausgemusterten Wagenrädern an der Wand in seinem Vorgarten platzieren. Wenige Tage später hörte ich, dass Karl von einem Bauern eine Wiese gepachtet hatte und ein kurzes Gespräch mit ihm ergab: Karl sucht zwei Pferdchen, denn er will Kutsche fahren. Die Kutsche hatte Karl günstig eingekauft und zwei alte Kumtgeschirre waren auch dabei. Er hatte schon viel gearbeitet, denn die Metallbeschläge des Geschirrs waren mit silberner Ofenrohrfarbe gestrichen und auch das Leder hatte er wunderbar mit Lederfarbe schwarz gefärbt. So oder ähnlich beginnen leider sehr oft manchmal recht kurze Ausflüge ins Lager der "Fahrer".
Um die Geschichte kurz zu Ende zu erzählen: Karl hatte wenige Tage später mehr Glück als Verstand, denn er erwischte zwei völlig unkomplizierte und umgängliche Ponys, etwa 1,25 m groß. Ein schon lange pensionierter Sattler fertigte überdimensionale Unterlegekumts für das zu große Geschirr. Bei Karls erster Ausfahrt ging alles leidlich. Zwar bemerkte er, dass die Wagenbremse nicht so richtig funktionierte - es ging aber trotzdem alles gut, wie er freudestrahlend berichtete, da die Pferde den Wagen ja über die Ketten an der Deichsel zum Geschirr gut abbremsen konnten.
Bei der zweiten Fahrt war es schon anders: Noch bevor Karl den Kutschbock besteigen konnte, gingen seine braven Pferde mitsamt der Kutsche auf und davon. Einen Ort weiter konnte das herrenlose Gespann aufgehalten werden und seitdem hat man Karl nicht mehr fahren sehen. Er musste zu seiner Verwunderung übrigens auch feststellen, dass sich die braven Pferdchen durch eine kleine Litze um die Weide nicht immer von einem kleinen Ausflug in saftigere Weidegründe abhalten lassen und dass der Hufbeschlag öfter als nur zweimal im Jahr erneuert werden muss, aber das ist ein anderes Thema...
Soweit zu Karl! Besonders das Freizeitfahren leidet unter diesem Karlsyndrom in ungeheurer Weise. Fröhliche Menschen wie unser Karl ramponieren nicht nur das Image ernsthafter Freizeitfahrer in den Augen der Turnierfahrprofis, sie stellen auch eine erhebliche Gefährdung für ihre Umwelt, ihre Pferde und sich selbst dar. Eines ist klar: Fahren ist nicht ganz so einfach, wie Karl sich das dachte. Es hilft nur eines - lernen und wissen, worauf es ankommt! Einen ersten Schritt haben Sie mit dem Lesen dieses Buches schon unternommen.
Die Motivationen, aus denen Menschen das Fahren beginnen, sind oft grundverschieden. Die einen sind schon seit vielen Jahren Reiter und wollen nun auch ihre Familie in das Zeit fressende Hobby "Pferd" mit einbeziehen und sie in Zukunft bei Ausfahrten mitnehmen; oder der neue Lebensabschnittsgefährte soll mit dem "Pferdevirus" infiziert werden, oder aber wie unser Karl, will man seine fast schon vergessene Jugendliebe zu den Pferden mit neuem Leben erfüllen. Vielleicht haben Sie aber auch Probleme mit der Gesundheit, wollen nicht mehr in den Sattel und denken an so einen bequem aussehenden Kutschbock. Übrigens gibt es sogar querschnittsgelähmte Menschen, die zu erfolgreichen Fahrern geworden sind.
Alle diese Leute mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen müssen das "Fahren" erlernen. Fahren sieht so einfach aus, und wenn Sie sich in einem Pferdestall bei den Anwesenenden mal umhören würden, dann müssten Sie erkennen, dass ein großer Teil der Leute weiß, dass es Erfahrung braucht ein Fahrpferd auszubilden, aber dann keine unüberwindliche Schwierigkeit in der Fahrerpraxis erkennbar ist. Im Gelände, auf dem Kutschbock sitzend, die Leine in der Hand - die Kommandos Hü und Brrr - wo ist die Schwierigkeit? Klar, wie so ein Geschirr auf Pferd kommt, das muss man gezeigt bekommen, aber dann - kein Problem!
Also besucht man einen Fahrkurs. Da sitzen sie nun, die Karls, die Umsteiger, die Einsteiger (oft mit der Hoffnung, nun bei ihrer neuen Freundin in Zukunft die volle Anerkennung zu bekommen) und die Erweiterer. Die meisten Fahrkurse, die am Ende mit irgendeiner (meist anerkannten) Prüfung enden, dauern nur wenige Wochen. Die Teilnehmer haben gelernt, wie die Achenbach´schen Griffe heißen und wie die Zweispännerleine nach Achenbach funktioniert. Sie haben auch gelernt, dass Pferde einfach nicht laufen können, wenn der Fahrer keine Kopfbedeckung trägt und sie können das Fahrschulpferd mit seinem Geschirr anziehen und es vor seine Kutsche stellen. Alle können mit diesem Gespann sicher durch den Straßenverkehr steuern und wissen, auf welcher Seite des Revers die Nadel des Fahrabzeichens getragen werden muss! Respekt.
Aber kommen sie damit später zuhause, in der Praxis, auch wirklich zurecht? Nutzen ihnen die gelernten Regeln, wenn sie den Familien-Norweger einspannen wollen und nun überlegen, welche Kutsche sie für ihn brauchen?
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: der Besuch eines Fahrkurses ist auf alle Fälle anzuraten und wichtig. Ein Buch kann keinen zwei- oder vierbeinigen Fahrlehrer ersetzen. Das Fahrsystem nach Achenbach, das in allen diesen Kursen gelehrt wird, ist aber ein sehr starres System, das vor etwa hundert Jahren im Hinblick auf ein kultiviertes Fahren für die besseren Herrschaften entwickelt wurde. Es hat unbestritten seine Vorteile auf dem Gebiet des Fahrens mit zwei oder mehr Pferden im Dressursport. Für den Freizeitfahrer, der (meist nur mit einem Pferd) entspannt fahren möchte, ist vieles davon nicht nur unnötig, sondern zum Teil sogar unangebracht.
Ich möchte Ihnen deshalb ein einfaches, taugliches und sicheres und pferdegerechtes System für das Freizeitfahren vorstellen, das sich nicht an Etiketten, sondern an Erfahrungen orientiert. Fahren soll schließlich Spaß machen - und zwar sowohl den Menschen als auch den Pferden![...] |